Maxi und die glücklichen Versager

Maxi und die glücklichen Versager

Die erste Lektion, die ich von Maxi gelernt habe war: Alle Erwartungen und Vorstellungen über ein Leben mit Hund in einen Sack werfen, fest zuschnüren und in die Biotonne werfen.

 

Wir waren perfekt vorbereitet. Dachten wir. Das Wichtigste war besorgt: Futter, Fressnäpfe, Hundebett, Decken. Leinen und Brustgeschirr würden wir vom Tierheim bekommen. Aber gleich nach der Ankunft von Maxi habe ich schon gemerkt, dass es nicht nur um die materielle Vorbereitung geht. Einen Hund aufnehmen, bedeutet, ein Lebewesen in sein Leben zu lassen. Und ein Lebewesen ist immer komplex. So banal und für nicht-Hundemenschen womöglich lächerlich das klingen mag: Einen Hund aufzunehmen ist wie einen Freund aufzunehmen – mit allen Höhen und Tiefen. Bei mir war es zumindest ein ziemlicher Realitätscheck und ganz, ganz anders, als gedacht.

 

Was hatte ich mir erwartet? Erstmal war Maxi selbst anders als ich mir erwartet hatte. In meinen wildesten Vorstellungen würde ein tobender, alles zerfetzender und markierender Hund bei uns einziehen. Entsprechend war der ursprüngliche Plan auch, dass er nur einen begrenzten Teil der Wohnung mitbenutzen durfte. Rückblickend hatte ich mir einen Hund vorgestellt, wie man ihn so oft im Fernsehen sieht. Klar, auf den Fotos sah er süß aus, aber hatte ich nicht durch diese Sendungen, die ich mir als Vorbereitung auf Maxi reingezogen hatte, gelernt, dass man alle Hunde bändigen muss? Diese Folgen waren irgendwie alle so dramatisch, bis der angeblich allwissende Hundeverstehergott hereinstürmt kam und alles wieder richtet. Heute muss ich den Kopf schütteln, wenn ich daran denke. Aber damals hatte ich keine Ahnung von Hunden und warum sollten die im Fernseher etwas vorspielen? Kurzer Tipp: Wegen der Quoten. Aber damals dachte ich, dass hinter jeder lieben Hundefassade eine Bestie lauern musste, die darauf wartete, von uns kurzzeitig in Zaum gehalten zu werden, bis sie eine gute Familie gefunden hatte. Kurz gesagt: Ich hatte mir einen Pflegehund erwartet, den wir gern wieder abgeben wollen würden.

 

Und genau darauf hatte ich mich auch vorbereitet. Fleißig hatte ich mir die schon erwähnten Hunde-"Erziehungs"-Sendungen im Fernseher angeschaut, mich durch Ratgeber-Seiten gegoogelt und beobachtet, wie Hunde in meiner Umgebung behandelt wurden. Ich dachte ich wüsste alles und wäre vorbereitet. Und dann kam Maxi. Mit seiner Zurückhaltung. Mit seiner zärtlichen Art, einen Keks aus der Hand zu nehmen. Mit seiner Angst vor allem, das sich bewegte oder laut war. Mit seinen traurigen Augen.

 

Gerade wenn ich heute Hunde sehe, die aus „erzieherischen Gründen“ von ihren Haltern getreten, geohrfeigt, umgeworfen oder am Halsband in die Höhe gezogen werden, bin ich unglaublich froh, dass mich niemand jemals in die Richtung beeinflusst hat. Manchmal denke ich daran, dass diese Methoden total sadistisch sind, aber ich glaube nicht, dass die Menschen, die ihre Hunde so behandeln, alle per se Sadisten sind. Sicher, jeder von uns hat potentiell etwas Böses in sich. Aber ich denke dass viele ihre Hunde nur deshalb so misshandeln, weil irgendjemand ihnen gesagt hat oder sie im Fernsehen gesehen haben, „dass man das so machen muss, um der Boss zu sein“. Ohne diese Menschenoder ihre Methoden in Schutz nehmen zu wollen bin ich davon überzeugt, dass die meisten es schlicht und einfach nicht besser wissen. Und dabei terrorisieren sie ihre Hunde so sehr, dass alles was Spaß machen sollte und entspannt sein sollte zur Zerreisprobe für die Nerven auf beiden Seiten wird. Die so genannte "Erziehung" über Dominanz ist aber nicht nur schrecklich für die Hunde, sondern auch für die Menschen, die sie exekutieren. Es geht ihnen nämlich die gesamte Palette an Freude und Spaß ab, die sie mit einem entspannteren Zugang gemeinsam mit ihrem Hund hätten.

 

Viel zu oft sehe ich solche Menschen mit ihren Hunden und beobachte, wie sie ganz verkrampft ihrem Hund hinterher laufen oder sie ziehen ihn mit Hilfe der Leine ganz eng an sich heran und maßregeln die arme Kreatur alle fünf Minuten wegen irgendwas. Ich kann da nicht weg schauen, habe aber noch nicht den richtigen Weg gefunden, damit umzugehen. Manchmal frage ich sie dann ganz höflich, ob ihr Hund überhaupt noch atmen darf, aber das ist ein anderes Kapitel. Diese Menschen wirken auf mich jedenfalls nicht besonders glücklich mit ihren Hunden und die Hunde sind niemals entspannt. Beide Seiten wirken absolut frustriert. Kein Wunder: Ist das ganze Modell ja nicht auf Freude und Freundschaft, sondern auf Hierarchie und Fehlersuche aufgebaut.

Wie soll entspanntes Spazieren gehen und Seele baumeln lassen gehen, wenn ich die ganze Zeit darauf fixiert bin, was für Fehler der da am anderen Ende der Leine jetzt schon wieder macht. Der da, dem ich kein bisschen vertraue. Der da, dem ich zeigen muss wer der Boss ist, weil sonst…Ja, was sonst? All der Quatsch, den die TV-Hundeverdreher (leider wortwörtlich) verzapft hatten, schien ich bei Maxi gar nicht zu brauchen. Zum Glück, denn hätte ich das nachgeahmt, hätte unsere Geschichte bestimmt einen anderen Verlauf genommen.

 

Natürlich ist es nicht immer rosig und toll mit Maxi. Wir sind ja beide keine Maschinen. Aber ich denke, wir versuchen beide unser Bestes, so gut wie möglich da zu sein und wenn ich so darüber nachdenke ist keiner von uns "der Boss". Ich begreife unsere Beziehung nämlich nicht als Arbeitsverhältnis. Wäre ja noch schöner, wenn ich mir Arbeit ins Haus geholt hätte! Für Maxi und mich galt das, was für alle sozialen Beziehungen gilt, die langfristig halten sollen: Gegenseitig tolerant sein, Fehler müssen beidseitig verziehen werden, man entwickelt sich gemeinsam weiter und so weiter. Dafür braucht man Geduld. Maxi brauchte Geduld mit mir, wenn ich wieder mal nicht gechceckt habe was er mir mitteilen wollte. Und ich brauchte Geduld mit ihm. Dafür musste ich aber mein Mindset ändern.

 

Neben Maxi selbst haben mich die Buksis in unserem Weg positiv gelenkt, indem sie mich gleich an einen Trainer verwiesen, der mir dieses ganze Dominanz-Zeugs, mit dem ich meine Zeit verschwendet hatte, sehr schnell ausgeredet hat und heute kann ich nur verschämt darauf zurückblicken, was ich vor Maxis Ankunft über Hunde dachte. Gelernt habe ich einerseits viel von Andi, unserem ersten Hundetrainer, der mit Maxi und mir ganz viel Vertrauensaufbau-Übungen gemacht hat und uns über Hundephysiologie aufgeklärt hat. Positive Bestärkung war sein Ding und von Strafen hielt er rein gar nichts. Und auch über die liebe Ursi, die mir beigebracht hat, was Maxi im Büro braucht, um zur Ruhe zu kommen. Außerdem kam ich dann zu besserer Literatur. Bei beiden TrainerInnen habe ich sehr viel über Körpersprache und Bedürfnisse von Hunden gelernt. Vor allem, dass Hunde viel mehr Schlaf brauchen als ich dachte (12 bis 14 Stunden pro Tag), war für mich ein eye opener. Und natürlich haben sie mir beigebracht, dass Dominanz in der Erziehung rein gar nichts zu suchen hat. Dass wir das gelernt haben und auch die positiven Effekte bei Maxi spüren, darüber bin ich sehr froh.

 

Nicht zuletzt waren da auch noch Jose und Filippo, die dem ganzen Konstrukt der Dominanz-Erziehung sowieso überhaupt nichts abhaben konnten. Beide hatten einen sehr intuitiven und lockeren Zugang zu Hunden und das zeigte sich auch im Umgang mit Maxi als Vorteil. Die, die am meisten dazu lernen musste war wohl ich.

Jedenfalls war an diesem Hund, der sich gerade mit vollem Bauch in sein Bett gekuschelt hatte, rein gar nichts problematisch – außer vielleicht sein Geruch. In der ersten Woche roch er so, als hätte er sich in einem Misthaufen gewälzt und als Haar-Kurpackung ein paar faule Eier in sein Fell geschmiert. Das Positive daran: Wir konnten ihn an seinem Geruch jederzeit in der Wohnung lokalisieren. Nachdem wir ihm sein erstes Bad verpasst hatten, sind wir übrigens auch draufgekommen, dass er nicht pechschwarz mit roten Flecken war, sondern dass er ein gräuliches Fell hatte, das auch noch ganz schön flauschig sein konnte. Damals hatten wir noch gescherzt, dass er vielleicht in Wahrheit weiß war, aber er blieb auch nach mehreren Duschdurchgängen ein grauer Wuschel.

 

Und so packte ich eine Woche nach Maxis Ankunft meine gesamten Annahmen über Hunde in einen Sack, schnürte ihn fest zu und beförderte ihn in die Biotonne. Trotz all der Gedanken und Umbrüche im Kopf fühlte ich mich wie eine glückliche Versagerin. Wir waren alle drei Versager: Pflegehundversager. So wurden Menschen bezeichnet, die ihren Pflegehund nicht mehr weiter geben wollten. Nach zwei Wochen waren wir uns sicher. Maxi war unser Hund. Er musste bleiben. Und Maxi ist geblieben und wird bleiben, egal was passiert.